Texterpreise: Aldi-Chips sind ja auch von Bahlsen

Eine Handvoll Chips

Über Textpreise wird in Texterforen und Textergruppen heiß diskutiert. Dabei sind diese Diskussionen meist genauso unproduktiv wie unwürdig. Am Ende beleidigen sich alle gegenseitig – und warten auf den nächsten Anstoß, dieselbe Diskussion. Murmeltier.

Wer den Mechanismus einmal erkannt hat, betrachtet das Gerede ab dem Moment als Zeitverschwendung. Für mich finden solche Diskussionen seit jeher in einem anderen Universum statt. 

Doch jetzt hat sich ohne mein Zutun die öffentliche Diskussion in mein Postfach geschlichen. In Form einer Antwort auf eins meiner Angebote entstand für einen kurzen Moment eine Schnittmenge zwischen den beiden Universen.

Mein potenzieller Kunde schreibt:
„Im Internet geht’s mit 1 Cent pro Wort los. Im Internet wird darüber diskutiert, ob 3 Cent für journalistische Arbeit angebracht sind. Die Preise gehen aber hoch bis 13 Cent. Oder wie es heißt, bei schwierigen Texten mit Recherche kann der Wortpreis auch manchmal auf 20 Cent hochgehen. Preise von 50 Cent pro Wort werden als „definitiv Abzocke“ beschrieben.“

Oder anders gesagt:

„Geben Sie mir den BMW i8 in der Protonic Frozen Black Edition. Aber für den Preis von einem Skoda! – Sonst ist das Abzocke!“

Arme 1-Cent-Texter

Ja, aus der Sicht von 1-Cent-Textern müssen 50 Cent pro Wort wohl Abzocke sein. Sie leben in einem Universum, in dem sie ohne viel nachzudenken in die Tasten hauen. Sie schuften für Ausbeuter und erbärmliche Geizhälse. 

Oder anders gesagt: Texter mit schlechten Arbeitsbedingungen verkaufen schlechte Texte an Kunden, die gute Texte nicht von schlechten Texten unterscheiden können. Oder denen es schlichtweg egal ist, mit welch miesen Texten sie die Welt belästigen. Traurig, wer so arbeiten muss. 

Übrigens: Bis zu dieser Textstelle würde ein 1-Cent-Texter um die 3,00 Euro vor Steuern, Krankenkasse, Strom … bekommen. Da ist noch keine Rechnung geschrieben, keine Einzahlung verbucht, kein Zahlungsausfallrisiko kalkuliert. Leben kann man davon nur, wenn man keine geistige Leistung verkauft, sondern Fließbandarbeit, die Finger auf Tasten vollführen.

Ich verdiene für Texte in derselben Länge bis zum Hundertfachen. Oder mehr.

Ist das Abzocke?
Natürlich nicht.

Gerade heute sprach ich mit einem Kunden, der Hotelreinigung anbietet. Er plant ein Mailing und hat mich mit dem Text für das Anschreiben beauftragt. An jedem neuen Kunden verdient er so viel, dass sich die Mailingaktion schon bei nur einem neuen Kunden lohnt. Andere Kunden bekommen von mir Webtexte, mit denen sie besser überzeugen, schneller ranken – und dadurch mehr verkaufen. Jeden Tag. Und immer wieder. 

Ich habe Marketing studiert, arbeite mit SEO-Spezialisten zusammen, leite selber ein Content-Projekt und bin auf dem aktuellen Stand, was Google mag. Dieses Wissen kommt meinen Kunden zugute. Bei jedem Auftrag. Vom Werbebrief bis zur kompletten „Shop-Ausstattung“ mit Kategorietexten, Produktbeschreibungen, Blogtexten, Facebook-Texten und allem Drum und Dran.

Das ist der Unterschied: In meiner Arbeitszeit darf ich denken, wie Kunden denken, fühlen, wie Bedarfsgruppen fühlen, planen und Konzepte entwickeln. Daraus besteht meine Arbeit zu über 80 Prozent. Das Schreiben der Texte macht also nur knapp ein Fünftel meiner Arbeitszeit aus. Darum macht es auch gar nichts, dass ich nur mit 4 Fingern tippe.

Also redet nicht von Abzocke, wenn ihr keine Ahnung habt, was an anderen Schreibtischen und in anderen Köpfen passiert. Und wie erfüllend es ist, wenn gute Arbeit erkannt und Leidenschaft anerkannt wird.

Und ihr, in deren Köpfen all das entsteht, was im Gehirn so schön brizzelt – verkauft euch nicht unter Wert!

Sind Aldi-Chips wirklich von Bahlsen? Keine Ahnung. Außerdem heißt salziges Bahlsen jetzt Lorenz. Egal. Was ich sagen will: Ich bin mir sicher, dass Bahlsen und Lorenz Kreative beschäftigen, die angemessen gut bezahlt werden. Denn vor allem ihretwegen genießen Marken-Chips ein höheres Ansehen als Aldi-Chips. Sogar, wenn sie vom selben Fließband in die Tüten laufen.

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